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Faire Bedingungen, um Deutsch zu lernen?

„Die Flüchtlinge sollen Deutsch lernen!“ – So tönen zahllose Schlagzeilen zur Flüchtlingsdebatte. Aber, wie sieht denn die Unterrichtssituation für Flüchtlinge aus? Felicitas aus der Q2 hat die Menschen gefragt, die es wissen müssen.

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Interview mit Katja F. und Beate (DaZ-Lehrerinnen)

Wie lange geben Sie schon Sprachunterricht?

So seit einem guten Jahr. Ungefähr um September 2014 habe ich damit begonnen.

Und wie sind Sie dazu gekommen?

Ich bin Ethnologin mit einem Afrika-Schwerpunkt, wodurch der Bezug zu Afrika von Anfang an vorhanden war. Seit den starken Flüchlingsström(ung)en wurde bei mir der Wunsch zur Integration dieser Menschen immer stärker. Da ich nicht so stark in die Verwaltungsstrukturen eintauchen wollte, kam ich zu der Bürgerinitiative, die Menschen viel schneller und direkter hilft.

Ich finde außerdem, dass ein Sprachkurs ein sehr guter Einstieg für den direkten Kontakt mit Flüchtlingen ist und man so die Möglichkeit bekommt, sie viel besser und schneller kennenzulernen. Um ein „richtiger“ Sprachlehrer zu werden und in Sprachkursen vom Staat unterrichten zu dürfen, muss man lange Schulungen machen. Da ich dies nicht machen wollte, kam ich zu der Bürgerinitiative. Wir unterstützen diejenigen, die schon lernen.

Fühlen Sie sich ausreichend vom Staat unterstützt?

Unsere Initiative ist eigenständig und unabhängig vom Staat. Wir sind eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die sich für die Flüchtlinge einsetzten und sie beim Sprachenlernen unterstützen wollen. Glücklicherweise werden wir seit längerer Zeit von Kirchen unterstützt und bekommen Gelder von privaten Spendern. Dies können wir dann gezielt in Projekte einsetzen, wie beispielsweise ein Computerprojekt. Mit Hilfe dessen können die Flüchtlinge dann online lernen und sind dadurch dann auch selbstständiger. Wir haben auch Kooperationen mit dem katholischen Bildungswerk, die auf uns zukamen und uns auch unterstützen.

Wir denken aber allgemein, dass der Staat mehr Verantwortung übernehmen muss. Zwar hat sich in der letzten Zeit schon einiges in die richtige Richtung verbessert, jedoch verlässt sich der Staat immer noch zu sehr auf die ehrenamtlichen Helfer und Initiativen. Doch diese können natürlich nicht so professionell arbeiten und sind immer abhängig von dem Engagement der Einzelnen. Aber wie schon gesagt, verbessert sich die offizielle Seite und es geht in die richtige Richtung.

Am Anfang waren hier in dem Hotel „Mado“ 90 Flüchtlinge und nur eine Sozialarbeiterin mit einer halben Stelle. Sie kam vielleicht drei-, viermal im Monat und hatte natürlich gar nicht die Möglichkeiten, sich ausreichend um alle zu kümmern. Dies ist ein Glück mittlerweile besser.

Gibt es denn allgemein Probleme in Bezug auf die Deutschkurse, mit denen Sie zu kämpfen haben?

Also allgemein gibt es das große Gerangel mit den Sozialarbeitern, die sich quer stellen. Letztendlich konnten die Flüchtlinge dann nur durch ehrenamtliches Engagement in die Deutschkurse. Es gab einige, die sich tagtäglich mit den Behörden herumschlagen und immer Druck ausüben mussten, bis es dann letzten Endes doch irgendwann vorwärts ging. Es muss einfach alles schneller geschehen. Die deutsche Sprache zu erlernen ist so wichtig für die Flüchtlinge. Ohne Deutschkenntnisse kann einfach keine Integration stattfinden. Also muss von Anfang an die Möglichkeit für alle Flüchtlinge bestehen, Deutschkurse zu belegen.

Es gibt beispielsweise ein Projekt, das sich „Friends“ nennt. Dies ist ein Patenprojekt zwischen Flüchtlingen und Deutschen. Diese nehmen die Flüchtlinge mit in ihr normales Alltagsleben und bringen ihnen so auf ganz natürliche Weise die Kultur und Sprache näher. So wird im Freundeskreis deutsches Leben vermittelt und dies ist genau der richtige und wichtige Weg, um Integration zu schaffen.

Natürlich gibt es bei einigen Flüchtlingen leider auch viele Frustrationsmomente. Beispielsweise wenn sie zwar Deutsch lernen wollen, aber einfach nicht die Möglichkeit dazu haben. Wir sollten diese Momente der Frustration versuchen bestmöglich zu minimieren.

Ist der Spracherwerb Ihrer Meinung nach ein wichtiger Bestandteil der Integration, also wie hoch ist der Stellenwert?

Ja natürlich, es ist ein sehr wichtiger Bestandteil für die Integration. Mann muss die deutsche Sprache einfach beherrschen, wenn man in Deutschland leben möchte. Andere Fremdsprachen reichen nicht aus. Man muss Kontakt mit der Gesellschaft haben und dies ist nun mal nur auf ihrer Sprache möglich.

Finden Sie, dass Ihre Schüler motiviert sind, die Sprache zu lernen?

Teils, teils. Dies kann man natürlich nicht pauschalisieren. Es gibt in jedem Kurs Schüler, die unmotiviert sind. Oder es fällt ihnen einfach schwerer eine Sprache zu lernen und sie verlieren deshalb ihre Motivation. Man muss einfach immer versuchen bestmöglich auf jeden Schüler einzugehen und sie nicht im Stich zu lassen, auch wenn sie mal nicht mit vollem Einsatz dabei sind. Das ist genauso wie in deinem Unterricht. Da melden sich doch auch nicht alle Schüler durchgängig und haben an jedem Fach gleich viel Spaß. Vielleicht würden manche lieber Mathe lernen, müssen aber nun mal gerade Deutsch lernen.

In dem Hotel hier gibt es eine sehr hohe Nachfrage am Sprachunterricht. Nahezu jeder belegt hier einen. Das Angebot muss natürlich noch steigen, aber es hat sich in letzter Zeit auf jeden Fall schon deutlich verbessert.

Wie sollte konkret die Betreuung aussehen und gibt es dort noch Verbesserungen?

Unsere Initiative hat mittlerweile schon über 300 Mitglieder, aber man braucht natürlich immer noch mehr. Den Flüchtlingen sollte aber meiner Meinung nach die Alltagssprache näher gebracht werden. Der Wunsch von Deutschen auf Begegnung mit Fremden muss wachsen. So lernen die Flüchtlinge dann nicht stupide Grammatik, sondern im Gespräch wie von selbst die Sprache und können ein enges Verhältnis zu den Deutschen und ihrer Kultur aufbauen. Man braucht auf der einen Seite also die Professionalisierung, aber auf der anderen Seite auch die Begegnung mit ganz „normalen“ Deutschen. Denn für Deutsche ist es viel leichter auf die Flüchtlinge zu zugehen, da für sie alles vertraut und gewohnt ist.

Wer entscheidet welcher Schüler Sprachunterricht bekommt?

Wer eine Anerkennung hat, darf erst mal in Deutschland bleiben. Dann vermittelt das Jobcenter die Menschen an Deutschkurse, die dann auch Pflicht sind. Nur mit ausreichenden Deutschkenntnissen können die Flüchtlinge arbeiten gehen und das ist doch auch das, was Deutschland will. Sie sollen doch nicht Jahre in Wohnheimen herumsitzen, sondern Ausbildungen machen und Geld verdienen.

Jedoch funktioniert die Vermittlung nicht immer schnell und reibungslos. Die Ehrenamtler aus den Initiativen müssen drängen und hartnäckig sein. Dadurch, dass sie sich an Medien und Presse wenden, wurde auch schon viel erreicht, da so das öffentliche Interesse geweckt und das Bewusstsein gestärkt wird. Wir haben den Eindruck, dass es seitdem schneller in der Vermittlung geht.

Wie lange brauchen die Schüler, um am öffentlichen deutschen Leben teilhaben zu können und beispielsweise arbeiten gehen können?

Dies hängt natürlich von jedem Einzelnen ab. Wie schon erwähnt, können die Flüchtlinge erst eine Ausbildung beginnen, wenn sie den Sprachkurs B1 besucht und den Test bestanden haben. Das Jobcenter vermittelt aber auch schon vorher nicht qualifizierte Jobs, wenn sie B1 noch nicht gemacht haben. Viele haben B1 gemacht und können dann zwar die Grammatik noch nicht gut, aber sich schon unterhalten. Bei manchen ist es auch andersherum. Trotzdem reicht dies dann noch nicht, um eine Ausbildung machen zu dürfen.

Am öffentlichen und alltäglichen Leben nehmen sie aber ab dem ersten Moment teil, in dem sie in unser Land kommen.

 

Meine letzte Frage ist, ob Ihre Schüler schon eigenständig leben können, oder ob sie noch Übersetzer brauchen und diese überhaupt bekommen?

In den meisten Alltagssituationen kommen sie sehr gut alleine zurecht. Es gibt auch keine Dolmetscher, die ihnen immer zur Verfügung stehen. Im Jobcenter wird sich um die Flüchtlinge gekümmert und alle bemühen sich, dass sie verstanden werden. Es gibt aber beispielsweise auch Freiwillige, die mit ihnen zum Jobcenter gehen oder Briefe von Ämtern durchlesen und übersetzten, die selbst für deutsche Muttersprachler schwer zu verstehen sind. Dann gibt es noch die Initiative „Ärzte und Amtsbegleiter“, die mit den Flüchtlingen zu Terminen gehen und es ihnen nachher noch einmal in Ruhe und langsam erklären.

 

Dann vielen herzlichen Dank für das Gespräch und auch in Zukunft viel Erfolg!

Das Interview führte Felicitas R. aus der Q2.

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