Faires Wohnen für die neuen Nachbarn?

Faires Wohnen für die neuen Nachbarn?

Vor über zwei Jahren –  im November 2014 – wurden die Feldbetten für die ersten Flüchtlinge  in der Mehrzweckhalle des GBGs aufgestellt. Es sollteeine vorübergehende Notlösung sein. Inzwischen wissen wir – die Kölner Turnhallen bleiben weiterhin Unterkünfte.

Zu diesem Anlass möchten wir einen Beitrag einer Schülermutter veröffentlichen:

 

Flüchtlinge, Krieg und kein Ende

Rettungsschwimmer lernen es: Wenn du rettest, darfst du dich nicht in Gefahr bringen. Fast 10.000 Menschen erreichen Deutschland täglich. Bilder von nicht enden wollenden Reihen von Menschen, die im Morgennebel in Deutschland ankommen, prägen sich ins Gedächtnis. Wem könnte man verdenken, dass vielen Deutschen bang wird. Ich bekomme eine whatsapp Nachricht von meiner syrischen Freundin Eatemad. Ihr Neffe wurde gestern in Syrien erschossen. Das Bild von ihm – ein bildhübscher junger Mann – ist auf ihrem whatsapp button. Eatemad kam letztes Jahr im November in die Turnhalle nach Weiden. Seit zwei Monaten hat sie die Aufenthaltsgestattung. Ihre Schwester ist auch geflohen. Sie saß im Sommer in der Türkei fest. Ein Schlepper, dem sie 5000 Euro für sich und die drei Kinder gegeben hat, ist auf und davon mit dem Geld und sie stand allein da. Über Griechenland ist sie mittlerweile in Deutschland angekommen, nach einer Horrortour und – jetzt in der Turnhalle des GBG.

Es ist pure Verzweiflung, welche die Menschen zu uns treibt. Ebenfalls in der Turnhalle, eine junge syrische Familie – die Mutter wirkt wie ein junges Mädel. Sie ist schwanger und über ein kaputtes Boot nach Griechenland, gerettet worden, über Ungarn nach Deutschland, drei Wochen unterwegs. Als wir mit ihr reden, kann sie nur noch weinen. Ihr Mann hält sie mit seinen Augen fest. Humanitäre Katastrophe ist ein Begriff. Hier steht die Verzweiflung vor mir. Wer sind die vielen jungen Männer, die zu uns kommen? In der Mehrheit sind sie wie der Neffe meiner Freundin, der gestern gefallen ist, obwohl er nie Krieg führen wollte.

In den 1970er Jahren hieß es: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“ Die jungen Männer sind letztlich auch Deserteure. Wie gehen wir damit um, dass sie nicht in den Krieg wollen? Die Verbundenheit in den Beziehungen und Ehen verblüfft mich immer wieder, weil sie so altmodisch auf mich wirken. Ein syrischer Kurde, auch letztes Jahr in der GBG Turnhalle, er zeigt mir ein Video seiner Frau, dem Baby und dem Kleinkind. Sie leben 10 Kilometer von der IS Front entfernt. Seine Frau ist blond, bildhübsch, die Kinder süß. Ich sag es ihm. Ja, sagt er. Aber weißt du, wenn bei uns eine Bombe einschlägt, dann war es das. Ich fühl mich einfach hilflos.

Als Historikerin möchte ich H.S. Chamberlain zitieren – mit aller Reserviertheit seinen Ansichten gegenüber. Er schreibt 1919 in den Grundlagen des 19. Jh. über die Syrer:

„Dagegen scheint sich dieser syrische (…) Mensch durch zähes Festhalten am eigenen Boden und durch die unüberwindliche Macht grosse physischer Beharrlichkeit ausgezeichnet zu haben und noch heute auszuzeichnen. Sein Ursitz ist ein Tummelplatz der Völker, er selber fast immer der Unterlegene, auf dessen Rücken die Grossen dieser Welt ihre Kämpe ausfochten (…) hier gilt (…) das Wort des Chores in Schiller´s Braut von Messin: Die fremden Eroberer kommen und gehen; Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen“

Syrien hat noch nie seit dem Römischen Reich eine Vertreibung erlebt. Man hat sich immer arrangiert. Trotz vier Jahren Krieg, mit all der Verzweiflung, dem Leid, den Depressionen, der Erschöpfung. Ich habe im Kontakt immer den Eindruck, ich habe es mit einer heilen Welt zu tun. Altmodisch im Vergleich zu unserer Welt, die durch die Flut der Tabubrüche die Gesellschaft reformiert hat. Mir tut der Kontakt gut und ich überlasse jedem, wie er dazu steht. Aber wir sollten hinschauen. Wir müssen uns auseinandersetzen. Ich persönlich lasse mich nicht überfordern. Meine Hilfe wird immer überschaubar bleiben. Klientel für die Terroristen der IS habe ich bisher nicht kennengelernt. Aber sicher muss man vorsichtig sein. Und Religion, Islam, Christentum – Ich würde die Entscheidung für Deutschland auch als Entscheidung für eine säkulare Politik betrachten. Die Terroristen, welche Religion missbrauchen, tun der Religion keinen Gefallen. Die Deserteure des Nahen Ostens stimmen hier gerade mit den Füßen ab.

Mutter eines Schülers

(22.10.2015)

 

AKTUELLE LINKS

http://www.ksta.de/koeln/fluechtlinge-koelner-turnhallen-bleiben-zunaechst-unterkuenfte-24428704

http://www.ksta.de/koeln/lindenthal/–115322

 

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