Flüchtlinge brauchen unsere Solidarität! (Interview mit der Sozialdezernentin Frau Reker)

Reker am GBG 28.8.15
Bitte sagen Sie ihren Namen und erklären, was Sie genau machen.
Ich heiße Henriette Reker und leite als Beigeordnete des Oberbürgermeisters das Dezernat für
Soziales, Integration und Umwelt der Stadt Köln. Beigeordnete sind die „Minister“ der Stadt. Über ihre Fachämter – bei uns sind das acht – setzen sie den von der Politik (Stadtrat, Ausschüsse,Fachgremien) gebildeten Mehrheitswillen in konkretes Verwaltungshandeln um. Aus Ideen entwickeln die Fachleute in der Verwaltung Konzepte, über die die Politik vor ihrer Umsetzung in die Praxis noch einmal entscheiden kann. Wir beschäftigen uns in meinem Dezernat mit Umwelt-, Klima- und Verbraucherschutz, Soziales – also etwa Senioren, Gesundheit und Wohnen sowie Straßenreinigungoder Abfallentsorgung. Eine zentrale Aufgabe ist die Unterbringung von sozial benachteiligten
Menschen, Obdachlosen oder Flüchtlingen, die zu uns nach Köln kommen.
Warum kommen die Flüchtlinge zu uns?
Die Menschen fliehen aus den verschiedensten Gründen. In diesem Jahr sind weltweit rund 50
Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Gewalt oder der Vernichtung ihrer
Lebensgrundlage. Das ist die höchste Zahl seit dem zweiten Weltkrieg.
Was tun Sie nun, da der Standplatz in Lövenich sich wegen der Klage verzögert?
Das Gericht hat mittlerweile entschieden, dass weiter gebaut werden darf, aber natürlich hat das die
Arbeiten verzögert. Allerdings schaffen wir auch an anderer Stelle weitere Plätze. So wird im
Dezember ein ehemaliger Baumarkt als vorübergehende Unterbringung fertiggestellt, an anderen
Stellen in der Stadt entstehen ebenfalls neue Standorte für die Unterbringung von Flüchtlingen – es
entstehen dauerhafte Einrichtungen, aber auch zeitlich befristete Lösungen mit Hilfe von Wohncontainern.
Dürfen sich die Flüchtlinge auf unserem Schulgelände frei bewegen oder sind sie eingegrenzt?
Grundsätzlich dürfen sich die Menschen außerhalb des Schulgeländes frei bewegen; sie sind ja keine
Gefangenen. Auf das Schulgelände dürfen sie, wie alle anderen Bürger auch, nur nach den in Eurer
Schule geltenden Besuchsregeln.
Was sagen Sie zu dem Thema „Flüchtlinge in Köln?
“Die Situation stellt die Stadt und die Kölner Bevölkerung vor eine enorme organisatorische und
gesellschaftliche Herausforderung, die wir nur meistern können, wenn alle mit anfassen. Ich bin aber
davon überzeugt, dass wir als eine der vier größten Städte des Landes in der Lage sind, dies zu
meistern. Es ist mir wichtig, dass wir diese Menschen, die aus ihren Heimatländern zu uns geflohen
sind, weil dort Krieg oder politische Willkür herrscht, hier in Köln willkommen heißen und ihnen eine
neue Lebensperspektive geben.
Was ist genau in Porz passiert?
Es gab während des laufenden Umbaus einen Sabotage-Akt am Dach des Baumarkts, der mit dazu
beigetragen hat, dass sich die Fertigstellung um einige Wochen verzögert.
Können Sie uns ein Datum geben wann die Flüchtlinge wieder gehen?
Wir werden die Turnhalle am Ende der Weihnachtsferien wieder räumen, um die Menschen an anderer
Stelle unterzubringen.
 Aus welchen Ländern kommen die Flüchtlinge?
Wir haben es mit einer Vielzahl von Nationen zu tun. Viele Flüchtlinge stammen aus Bürgerkriegsländern (beispielsweise Syrien,
Afghanistan, Eritrea, Ex-Jugoslawien oder dem Maghreb).
Werden wir mit den Flüchtlingen in Kontakt kommen?
Soweit ich weiß, sind einige der hier untergebrachten Flüchtlinge zu Euren Projekttag am 18. Dezember eingeladen.
Wie können wir bzw. die Eltern den Flüchtlingen helfen?
Neben der Unterbringung, Sach- oder Geldspenden geht es vor allem darum, die Möglichkeiten zur
Integration zu verbessern. Der Schlüssel dazu ist Bildung. Kindern und jungen Flüchtlingen muss
schulische Bildung zuteil werden und Sprachunterricht muss unbürokratisch angeboten werden
können. Viele Flüchtlinge sind vom Krieg traumatisiert, sie haben vielleicht Familienangehörige
verloren und sie fliehen in ein Land, dessen Sprache und Kultur sie nicht kennen. Sie kommen alle
nicht freiwillig, sondern weil sie ihre Heimat verlassen mussten. Sie brauchen menschliche
Zuwendung und unsere Solidarität. Hier ist unsere Gesellschaft, also die Kölner Bevölkerung, gefragt.
Wohin kommen die Flüchtlinge wen sie nicht mehr in unserer Sporthalle sind?
Dies lässt sich so pauschal leider nicht beantworten. Bei vielen der Menschen ist noch unklar, ob sie
längerfristig in Köln bleiben oder anderweitig untergebracht werden.
Wechseln die Flüchtlinge oder gibt es welche die die nächsten drei Monate bei uns sind?
Die meisten werden die kommenden Wochen in Weiden bleiben. Allerdings gibt es auch Menschen,
die wir kurzfristig anderweitig unterbringen können oder die Köln wieder verlassen.
Stimmt es, dass es nur Wirtschaftsflüchtlinge sind?
Wenn Menschen ihr Leben riskieren, um auf den abenteuerlichsten Wegen ihre Heimat, Familien und
Freunde zu verlassen, weil sie nur hier die Chance auf ein besseres Leben sehen, finde ich das
grundsätzlich in keiner Weise verwerflich. Täglich müssen Menschen aus ihrer Heimat fliehen, weil
sie Verfolgung oder Gewalt ausgesetzt sind. Bei uns suchen sie Schutz und wir sind alle gefordert, sie
menschenwürdig unterzubringen und sie als Teil unserer Gesellschaft zu integrieren. Dass die
rechtliche Beurteilung aufgrund der bestehenden Gesetzeslage zur Zeit häufig eine andere ist, ändert
nichts an unserer humanitären Pflicht, diesen schutzsuchenden Menschen mit dem gebührenden
Respekt zu begegnen und ihnen die notwendige Hilfe zuteil werden zu lassen. Die Welt ist derzeit ein
Ort mit vielen Krisenherden und natürlichen oder von Menschenhand verursachten Katastrophen;
davor kann man nicht einfach die Augen verschließen und sagen: „Das geht uns alles nichts an“. Die
meisten Experten gehen davon aus, dass wir uns in Deutschland und Europa in den kommenden
Jahren auf höhere Zuwanderungszahlen werden einstellen müssen.
Werden die Flüchtlingskinder in den Kölner-Schulen integriert?
Ja. Sobald sie der Stadt Köln zugewiesen werden, besteht Schulpflicht. Primäres Ziel ist eine intensive
Deutschförderung in Vorbereitungsklassen mit dem Ziel einer Integration ins Regelschulsystem. Nach
einer schulärztlichen Untersuchung beim Gesundheitsamt weist das Schulamt den Kindern einen
Schulplatz zu. Wir unterscheiden zwischen so genannten „Seiteneinsteigerklassen“ für Schulpflichtige
bis zu 16 Jahren sowie den freiwilligen „internationalen Förderklassen“ für die älteren Jugendlichen.
Natürlich stellt das alle Beteiligten vor eine gewaltige Aufgabe.
Bezahlen die Flüchtlinge die Arztkosten selber?
Die Kostenübernahme erfolgt über das Sozialamt. Reguläre Behandlungen werden über die
Krankenkassen abgerechnet. Vielfach sind Mediziner aber auch ehrenamtlich tätig.
Dürften wir als Schülerzeitung die Flüchtlinge besuchen?
Nein, das geht leider nicht, aber ihr dürft sicher in Absprache mit der Schulleitung und dem
betreuenden Roten Kreuz als Träger vor Ort, jemanden in Eure Redaktion einladen.
Warum werden die Flüchtlinge nicht auch in den anderen Schulen untergebracht?
Als kompetente Stelle hat das Schulamt verschiedene Möglichkeiten geprüft und uns, die wir als Amt
für die die Unterbringung zuständig sind, diese Halle als am besten für diesen Zeitraum und Zweck geeignet, benannt.
Womit werden die Flüchtlinge versorgt?
Die Versorgung in Weiden wird über das Deutsche Rote Kreuz organisiert. Muster-Speisepläne
wurden bereits in der Presse veröffentlicht. Am ehesten lässt sich die Verpflegung wohl mit der eines
Landschulheimes vergleichen.
Interview: Marie Book und Mico Radojewski (Jg. 6)
(Aus der KIWI Sonderausgabe Dez. 2014)

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