Quelle: Wilhelmine Wulff / pixelio.de

Ich träume weiter…

Ich träume weiter

Ein Schüler (15 Jahre) erzählt seine Fluchtgeschichte

Wir ließen alles hinter uns
Ich blicke aus dem Fenster meines Zimmers und sehe meinen kleinen Schwestern unbeschwert beim Spielen zu.
Ich sehe in ihre Gesichter und merke, wie glücklich sie sind, es könnte nicht schöner sein.
Die Sonne strahlt am Himmel und nur ein paar Orangen und Olivenbäume spenden etwas Schatten.
Eigentlich soll ich meine Hausaufgaben für die Schule machen, einen Aufsatz über meinen Traumberuf, aber ich lasse mich immer wieder ablenken. Doch ich weiß noch nicht, was ich werden will und habe noch nie ernsthaft darüber nachgedacht. Auf jeden Fall möchte ich später mal einen gut bezahlten Job haben, der mir Spaß macht. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen und das Kinderlachen meiner Geschwister verschwindet. Ich öffne das Fenster einen Spalt, um zu sehen,was passiert ist. Ich entdecke zwei Gestalten, die sich miteinander streiten. Bei näheren Betrachten sehe ich meinen Vater, wie er sich am Gartenzaun mit unserem Nachbarn auseinandersetzt. Worüber die beiden sich streiten kann ich aus der weiten Ferne leider nicht verstehen, aber ich sehe, dass mein Vater sehr aufgebracht ist. Mein Nachbar sieht sehr bedrohlich aus und kommt immer näher auf meinen Vater zu. Ich verstehe nur ein paar Wörter, wie sehr ich mich auch bemühe. Mein Vater hat etwas gemacht, was unserem Nachbarn nicht gefällt. Dafür möchte er meinen Vater umbringen. Egal, was es auch kosten mag. In Albanien ist es nämlich so, dass man sich an ein er Person in gewisser Maße rächen darf, um seine Männlichkeit zu beweisen. Jedoch erst ab einem Alter von 5 oder 6 Jahren darf man den Jungen erst weh tun. Plötzlich endet das Gebrüll und unsere Haustür öffnet sich. Ich stürme die Treppe herunter und erblicke meinen völlig aufgelösten Vater. In so einer Fassung habe ich ihn noch nie gesehen. Er sieht irgendwie traurig aus, aber die Angst und Wut überwiegt in seinem Gesicht. Ich frage ihn vorsichtig, was los ist. Er antwortet zögerlich in seinen Gedanken gebannt (gefangen) und meint, es sei am besten, wenn ich so wenig wie möglich darüber wüsste. Mein Vater geht ins Schlafzimmer, wo meine Mutter weinend auf dem Bett sitzt. Er schließt die Tür hinter sich, damit ich nichts von ihrem Gespräch mitbekomme. Ich warte unsicher und voller Fragen vor der Tür. Nach einer halben Ewigkeit öffnet mein Vater die Tür und kommt mit einer gepackten Reisetasche heraus. Bis zum Abendessen weicht er meinen Fragen aus und telefoniert herum.
Am Essenstisch rückte mein Vater endlich mit der Sprache heraus. Er würde für eine Weile in die Stadt zu Freunden ziehen bis sich die Situation zwischen unserem Nachbarn und ihm beruhigt hat.
Als es dunkel wird verlässt er das Haus. Ich höre den Kies auf der Einfahrt knirschen und dann war
er weg. Ungefähr drei Monate war mein Vater weg und unser Nachbar guckte jeden Tag hasserfüllt zu unserem Grundstück und suchte vergeblich meinen Vater.
Ich hatte Angst und wusste nicht, was als nächstes passieren sollte. Aber ich wusste, dass unser Nachbar seine Drohungen in die Tat umsetzen würde und dies so schnell wie möglich. Ich ahnte schon, dass wir fliehen würden, wie viele anderen aus unserem Dorf auch.
Klar, wollte ich nicht meine Freunde verlieren und nicht aus meiner wunderschönen Heimat und aus dem Haus in dem ich aufgewachsen und geboren war weg.
Allerdings war es mir lieber, das Land zu verlassen gemeinsam mit meiner Familie, um ohne Todesangst leben zu können und was noch viel wichtiger war meine Eltern endlich wieder glücklich zu sehen.
Als mein Vater zurückkam, wusste ich, dass es nicht mehr wie früher sein würde.
Die Situation hatte sich immer mehr verschlechtert. Deshalb kam unser Vater mitten in der Nacht, um uns abzuholen. Mein Vater erzählte uns, dass eine Flucht der einzige Ausweg für uns ist. Wir packten nur die Sachen ein, die wir schnell greifen konnten, alles andere ließen wir zurück. Das Wichtigste war, besonders schnell zu fliehen, ohne dass einer davon wusste, weil einem sonst die Ausreise von unserem Nachbarn verhindert würde.
Also setzten wir uns schnell ins Auto und fuhren einfach los, ohne auch nur einmal zurückzuschauen, ließen wir alles hinter uns.
„Ich wollte meine Eltern endlich wieder glücklich sehen“
Ich war überglücklich, als wir über die Grenze nach Tschechien gekommen waren. Da ich auch merkte, dass meine Eltern glücklich und gelassen wurden und wir konnten seit langer Zeit wieder alle gemeinsam über die Witze von meiner Mama lachen.
Es machte mich unfassbar glücklich und ich merkte, wie die Last und die Anspannung der letzten Monate von mir abfiel.
Wir fuhren immer weiter und weiter mit dem Auto. Ich habe von der Autofahrt nicht sehr viel mitbekommen, weil es stockdunkel war – mitten in der Nacht.
Irgendwann kamen wir dann in Österreich an. Ich kaufte uns von unseren Ersparnissen Zugtickets nach Dortmund, da meine Eltern weder englisch noch deutsch sprachen. Die Reise war sehr langund anstrengend vor allem für meine kleinen Schwestern.
Als wir in Dortmund angekommen waren, wurden wir getrennt voneinander zu einem Camp gebracht. Dort waren sehr viele Menschen und es war laut.
Meine kleinste Schwester fing an zu weinen. Wir bekamen ein kleines Zimmer in einem zweistöckigen Bungalow zugeteilt.
Dort war nicht mehr Platz als für sechs Stockbetten. Wir bekamen Bändchen, um die Handgelenke. Dann sollten wir zu den Materialausgaben gehen. Auch hier war es total laut und die Menschen stritten sich. Da sie mehr haben wollten und nicht
verstanden, dass es nichts mehr gab.
Wir packten unsere wenigen Sachen aus und gingen direkt schlafen.Immer wieder träumte ich davon, dass unser Nachbar uns umbringt.
Ich kauerte mich eng umschlungen mit meiner kratzigen Decke ins Bett. Mir war kalt. Immer und immer wieder träumte ich davon, dass unser Nachbar uns findet und uns umbringt. Früh morgens wachte ich auf es war 7:00 Uhr und um 7:30 war es Zeit zum Essen. Meine kleinen Schwestern schliefen noch, also ging ich mit meinen Eltern zum Frühstück. Dort gab es Brötchen mit Aufstrich.
Es war sehr eng. Wir packten meinen Schwestern Essen in eine Serviette ein, obwohl man dies eigentlich gar nicht machen darf. Doch man musste in so schneller Zeit essen, dass es unmöglich war sich in so kurzer Zeit satt zu essen.
Meine Schwestern fingen an zu essen. Da klopfe es an der Tür eine syrische Familie stand vor der Tür mit einem kleinen Baby. Wir mussten uns das Zimmer teilen, obwohl wir allein schon zu 7 waren. Wir versuchten den Raum mit Vorhängen zu trennen. Doch man hatte trotzdem keine Privatsphäre. Wir hatten nicht einmal einen Schlüssel in unserem Raum. Also musste einer von uns immer im Zimmer warten, da wir Angst hatten etwas von unseren Sachen würde verschwinden.
Man ist nach ethnischem Hintergrund getrennt.
Ich ging nach draußen auf den kleinen grauen Hof, der an einer stark befahrenden Straße liegt. Das war die einzige Möglichkeit nach draußen zu gehen. Doch an spielen oder Sport dort zu machen,gar gar nicht zu denken, denn es wäre zu gefährlich wegen den Autos.
Direkt daneben standen die Duschcontainer. Doch die Duschen bestanden nur aus einem Gartenschlauch und funktionierten
schon seit ein paar Tagen nicht. Als ich auf die Toilette gehen wollte, musste ich auf einmal nicht mehr, da die Toiletten aussahen wie Mülltonnen und ich Angst hatte irgendeine Krankheit zubekommen. Auf dem Hof wurde mir schnell klar, wo ich hingehörte, weil jede Nation eine Gruppe hat und man sich nach ethnischem Hintergrund trennt. Ich habe sehr schnell Anschluss in der
albanischen Gruppe gefunden. Trotzdem wollte ich sie nicht meine Freunde nennen, da es alle Patrioten waren.
Bevor ich nach Köln kam, wurden immer wieder in andere Camps weiter geschickt, da dort nie genug Platz war.
Wir wurden in Taxis gesetzt und zur Herkulesstraße gebracht. Dort bekamen wir zwar ein eigenes Zimmer. Doch auch dort war es nicht sauber. Außerdem geb es viele Male in der Nacht Feueralarm und ich konnte nie schlafen. Und immer und immer wieder hatte ich die Angst, dass die Behörden uns unsere Geschichte nicht glauben und uns wieder in die Hölle, die wir in Albanien erlebten zurückschicken wollen.
Da viele,obwohl sie eine Aufenthaltsgenehmigungen hatten ,zurück in ihre Heimat geschickt werden.
Die Angst ist ein ständiger Begleiter.
Die Hoffnung auch.
Ich habe Angst, dass uns auch so etwas passiert und diese ständige Ungewissheit bereitet mir große Angst.
Ich höre immer wieder, dass nur Flüchtlinge bleiben können, in deren Ländern Krieg herrscht.
Doch unser Umzug in ein schön sauberes Hotel, indem meine Familie eine eigene Wohnung hat, gab mir Hoffnung.
Ich lernte sehr schnell Deutsch in dem Aufbaukurs und meine Deutschfähigkeiten reichten aus, um mir auszusuchen, auf welche Schule ich gehen wollte.
Nun sitze ich hier im Unterricht und bin über glücklich, dass es meiner Familie so gut geht. Jetzt weiß ich ganz genau, was ich später einmal werden will. Nämlich Menschenrechtsanwalt, um Menschen, die in der gleichen Situation wie ich sind, zu helfen und zu unterstützen.
Ich genieße hier jeden Augenblick und hoffe, dass ich hier für immer bleiben kann.
Ich träume weiter.
Das Gespräch führten Jenna Schmeick und Mikka Creuzburg (Jg. EF)

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