Heinrich Heine, 1831, Kunsthalle Hamburg

Interview mit Heinrich Heine: Wie stehen Sie zu ihrem Vaterland?

 Heinrich Heine, 1831, Kunsthalle Hamburg

Heinrich Heine, 1831, Kunsthalle Hamburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie stehen Sie zu Ihrem Vaterland?

Ein fiktives Interview mit Heinrich Heine

Von Heghine

 

In ihrem Gedicht ist Ihre Mutter und die Sehnsucht nach ihr das Hauptthema. Was hat Sie dazu geführt solch ein Gedicht niederzuschreiben?

Nun ja, als ich nach Frankreich ins Exil floh, gewährte mir die französische Regierung zwar als politischen Emigranten eine Pension, aber dennoch fehlte mir die Familienliebe. Vor allem als ich an einer ernsthaften Augenerkrankung um 1837 litt, spürte ich das Verlangen nach meiner Mutter sehr. Man sagt ja immer: Egal wie alt man ist, solange die Mutter noch lebt, bleibt man immer ein Kind der eigenen Mutter. Und diesen Satz verstand ich erst, nachdem ich sie verließ. Allerdings war „Nachtgedanken“ nicht das einzige ihr gewidmete Gedicht, „An meine Mutter“ schrieb ich ebenfalls für sie.

 

Gibt es einen besonderen Grund, warum Sie 1836 gerade nach Frankreich geflohen sind? Vielmehr lässt sich Ihrem Gedicht nach urteilen, dass Sie dieses Land als Ideal sehen.

Ja, das haben Sie richtig erkannt. Zu dieser Zeit wurden die Ideen der Freiheit, des Liberalismus in Deutschland unterdrückt. In dieser Zeit der Biedermeier waren vor allem die Künstler gegen den Liberalismus und unterstützten den sicheren Absolutismus. Sie wollten eine abgesicherte Gesellschaft und dachten dabei nicht an die Folgen. Ich muss aber zugeben, meine Meinung war anders. Ich finde das Freiheitsstreben der Bürger bewundernswert. Denn nur durch diese Freiheit, durch die freie Meinungsäußerung, können künstlerische Gedanken hervorkommen. Nur so können sich die Künstler weiterentwickeln und verbessern. Deshalb beschloss ich gerade nach Frankreich in Paris, der Kernort der Revolution, wo aktiv für die Bürgerrechte gekämpft und diese durchgesetzt wurden, ins Exil zu fliehen.

Gibt es einen weiteren Grund, warum Sie in Frankreich das Ideal sehen?

Die nun politisch und gesellschaftlich stabile Lage im Land ist ein weiterer Grund. Die Meinungsgleichhit natürlich auch. Somit stand ich nicht alleine mit meiner Ansicht. Mit der Strophe „Gottlob! durch meine Fenster bricht Französisch heiteres Tageslicht; Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, und lächelt fort die deutschen Sorgen„, meine ich, dass ich in Frankreich endlich aufatmen konnte, ich fühlte mich frei. In Deutschland allerdings reichte mir die Luft nicht, ich fühlte mich bedrängt.

  Wie stehen Sie zu ihrem Vaterland? Denn Sie schrieben im Gedicht: „Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr, wenn nicht die Mutter dort wär“.

Viele sind der Meinung, dass die Heimat dort ist, wo man geboren ist. Ich aber bin der Meinung, meine Heimat ist dort, wo ich lebe, dort wo ich mich wohl fühle. Ich bin ein Mensch, der viel durch die Welt gereist ist, habe die verschiedensten Menschen kennengelernt Hegel, Goethe, Karl Marx… . Das Einzige, was mich nach Deutschland zog, war wirklich meine Mutter. Zu dieser Zeit war die Situation in Deutschland sehr schwer. Die Politik verhielt sich meiner Ansicht nach sehr falsch und zudem vertritt die Gesellschaft eine ganz andere Meinung, wie ich sie hatte. Also konnte ich mich in meinem Land nicht mehr wohlfühlen und beschloss ins Exil zu fliehen.

Also war in so viel Trauer im Gedicht, auch Ironie enthalten, wenn sie schrieben „Deutschland hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land“?

Zum Teil ja, natürlich war Deutschland nicht kerngesund, vor allem nicht um diese Zeit, da der Status rückständig war und sie keine nationale Einheit bildete. Aber man kann so ein Land nicht einfach stürzen, es wird immer Bestand haben. Ich bin mir sicher, dass sich die Verhältnisse im Land bessern werden, die Frage ist nur für wen diese Verhältnisse gut sind und ob ich es überhaupt noch miterleben werde. Und wenn ich Deutschland mit meiner Mutter vergleiche, dann ja, es ist kerngesund, meine Mutter ist bereits sehr alt und wird irgendwann sterben, wie wir es alle tun werden.

 

Das Zeitalter des Expressionismus begann erst Anfang 1900, Ihr Gedicht wurde aber schon 1847 veröffentlicht. Zählen Sie es denn selbst zur Romantik?

Vielleicht beginnt der Expressionismus offiziell Anfang 1900, aber ich würde sagen mein Gedicht war eines der Vorläufer dieses Zeitalters. Denn es beinhaltet gar keine Motive der Romantik. Es ist weder naturbezogen oder individuell, noch ist es träumerisch oder auf die Nacht bezogen. Wenn wir uns allerdings die Merkmale des Expressionismus angucken, trifft es dem viel eher zu. Im Expressionismus wird die grelle Wahrheit beschrieben und richtet sich als Protest gegen die weit verbreitete Ordnung des Bürgertums. Es werden Themen wie Weltuntergang, Elend, Flucht oder Trauer beschrieben.

 

Gehen wir nochmal auf Sehnsucht und Flucht zurück. [Bezug zur wirklichen Gegenwart] Das Thema der Flüchtlingspolitik ist heutzutage unumgänglich. Es sind bereits ca. 1 Mio. Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und hauptsächlich aus Kriegsstaaten wie Syrien. Können Sie dabei irgendeinen Bezug zu Ihrer eigenen Situation herstellen, wo liegen die Unterschiede?

Natürlich ist die Situation sehr ähnlich. Diese Menschen fliehen von ihrer Gesellschaft und Regierung. Sie fühlen sich unsicher und bevorzugen somit die unbekannte Zukunft von der elenden Gegenwart. Wer weiß, wo sie landen werden, was am nächsten Tag mit ihnen geschehen wird oder ob sie überhaupt irgendwann zurück in ihr Vaterland gehen und ihre Familie wiedersehen werden. All diese Fragen werden sie immer mit sich tragen und erst dann lernt man das Wort Sehnsucht kennen, erst dann versteht man die wahren Prioritäten im Leben. Einer sagte mal „Mutter – das Wort habe ich erst im Krieg zu verstehen gelernt.“ Für sie ist das auch eine Art Krieg, was sie gerade führen. Der einzige Unterschied zu ihnen und mir liegt darin, dass ich genau wusste, wo ich ankommen werde. Die Regierung brachte mich sicher unter.

 

Heghine

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