Heinrich Heine, 1831, Kunsthalle Hamburg

Sehr geehrter Herr Heine, ich bin Grenzbeauftragter

 Heinrich Heine, 1831, Kunsthalle Hamburg

Heinrich Heine, 1831, Kunsthalle Hamburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brief an Heinrich Heine

Von Benda

 

Sehr geehrter Herr Heine,

mein Name ist Benda und ich arbeite als Grenzbeauftragter an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Mir wurde der Auftrag erteilt, unter keine Umständen Flüchtlinge in das Land einreisen zu lassen. Ich wende mich in diesem Brief an Sie, da ich in dieser schwierigen Situation auf Hilfe hoffe.

Ich habe ich Ihr Gedicht „Nachtgedanken“ gelesen, das mir sehr gefallen hat, doch zuerst hat es mir persönlich nicht viel bedeutet bis ich einen Jungen kenngelernte, der vor kurzem zur Grenze Österreichs kam. Dieser Junge stand ohne Familie, ohne Vater und Mutter, vor mir und flehte, weiter durchreisen zu dürfen. Meine Anweisungen waren klar, so dass ich ihn abwies und ihn bat, zu seinen Eltern zurück zu gehen. Er schaute mich fassungslos mit Tränen in den Augen an und wurde von der Menge zurück gedrängt. Später, nach Ende meiner Schicht, ging mir dieser Junge nicht mehr aus dem Kopf weswegen ich seine Registrierung anschaute und sah, dass dieser Junge im Alter von 12 Jahren mit seinen Eltern aus Syrien flüchtete, aber hier nur alleine registriert war. Dieser Junge hatte seine Eltern auf der Flucht aus seiner Heimat verloren und stand nun mit 12 Jahren alleine vor der Grenze Österreichs ohne eine Möglichkeit, zurück in seine Heimat zu reisen. Den Jungen habe ich in den Tagen darauf oft gesehen, alleine, hilflos und verloren. Ich habe ihm essen, trinken sowie einen Platz zum Schlafen geben lassen, jedoch weiß ich, dass er hier nie das normale Leben eines Zwölfjährigen führen kann. Ich fühle mich jetzt für ihn verantwortlich, da ich so viel Schmerz und Angst in seinen Augen sehe, die ich nicht ignorieren kann.

Nun habe ich Ihr Gedicht gelesen, indem Sie Ihre Sehnsucht nach Ihrer Mutter sehr deutlich machen, wie auch Ihre Verständnislosigkeit für das politische System und die Entscheidungen Ihres Landes.

Ich sehe diesen Jungen Tag für Tag und schaue ihm Tag für Tag in seine erschöpften, hoffnungslosen und verzweifelten Augen und empfinde und verstehe die große Verzweiflung, die Sie in Ihrem Gedicht sehr deutlich beschreiben.

Sie beschrieben das schreckliche Gefühl, ihre Mutter über zwölf Jahre nicht gesehen zu haben, die immense Sehnsucht und das Verlangen, welches Sie empfinden. Ihre Mutter scheint Sie sehr geprägt zu haben. Ihre Angst, sie nicht erneut in die Arme zu nehmen ist völlig verständlich. Nun frage ich mich jedoch, wie es sich anfühlen muss, diese Beziehung zur Mutter und auch zum Vater komplett zu verlieren. Der Schmerz, der dabei entstehen muss, kann nur unvorstellbar sein und ebenso brutal, vielleicht sogar schlimmer als der Schmerz den Sie erfahren mussten. Durch Ihr Gedicht ist es mir leichter gefallen nachzuvollziehen, in welcher Situation der Junge aus Syrien sich befindet, weit weg von zuhause, wie Sie es waren im Pariser Exil ohne Ihre Geliebten. Nun weiß ich von Ihnen, dass Sie zeitlebens selbst eine Außenseiterrolle hatten, da Sie jüdischer Herkunft sind. Das Gefühl des Außenseiters ist eines, welches Sie und auch ich kennen und keinem auf dieser Welt wünschen werden. Doch sehe ich diesen Jungen, einsam und allein, angewiesen auf die Helfer von unserer Seite, als Außenseiter dort stehen. Jedes Mal frage ich mich selbst, wie ich damit leben kann, nicht gegen diese Situation zu tun und ihm nicht aktiv zu helfen. Jeden Tag schlaf ich mit einem schlechten Gewissen, nicht nur dem Jungen gegenüber sondern all den Flüchtlingen, denen ich nicht die Chance auf ein besseres Leben gebe, ein. Nie hätte ich mein Handeln oder meinen Job so in Frage gestellt, hätte ich Ihr Gedicht nicht gelesen.

Ich bewundere Sie für die Kritik, die Sie bedenkenlos und mutig gegenüber dem politischen System äußern, ohne Angst davor zu haben welche Folgen dies haben kann. Ihre Idee und Ihr Traum, die Demokratie durchzusetzen und nach dem Vorbild Frankreichs zu handeln, ist eine Einstellung, die mich motiviert, selbst zu handeln.

Die Flüchtlingspolitik, die zurzeit an vielen anderen Orten betrieben wird, ist ebenso dunkel, wie Sie das Deutschland Ihrer Zeit beschreiben. Nun finde ich jedoch, dass heute Deutschland als ein Vorbild, wie Frankreich zu seiner Zeit, dienen kann. Deutschland nimmt die Flüchtlinge auf, gibt ihnen eine Chance und handelt, wie es menschlich und richtig ist. Dieses Handeln wünsche mich mir hier mehr als alles andere, damit ich einmal ein Lächeln auf dem Gesicht des syrischen Jungen sehen kann. Die Angst, meine Karriere zu zerstören und meine Familie nicht mehr selbst glücklich zu machen hält mich jedoch davon ab, auf eigene Faust zu handeln und aktiv zu werden. So sehr ich auch an der Politik meiner Vorgesetzten zweifele, kann ich das Risiko nicht eingehen all das zu verlieren, was mir am Herzen liegt.

Im letzten Abschnitt Ihres Gedichts scheinen Sie eine Milderung des Schmerzes zu finden, der all Ihre Sorgen verschwinden lässt. Eine Art Milderung wünsche ich dem syrischen Jungen ebenso sehr, da ich finde, dass Sie und dieser zwölfjährige Junge sehr viel gemeinsam haben. Ich wende mich also abschließend an Sie mit einer Frage. Nachdem ich Ihnen erläutert habe, in welcher Situation ich mich befinde und in wieweit ich eine sehr enge Verbindung zu Ihrem Gedicht sehe, stelle ich mir die Frage, was die Lösung zu meinem Problem oder zur Situation des syrischen Jungen ist. Wie soll ich handeln? Ist der Wunsch meine Familie zu sichern richtig oder muss ich so handeln wie es menschlich richtig wäre?

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir antworten könnten und mir einen Rat zukommen lassen könnten. Zuletzt möchte ich mich noch bei Ihnen bedanken dafür, dass Sie mir in dieser Hinsicht durch Ihr Gedicht die Augen geöffnet haben. Sie haben mir geholfen, meine Fragen und Zweifel nicht unreflektiert zu lassen und mich damit auseinanderzusetzen, was ich für menschlich richtig halte.

Mit freundlichen Grüßen

Benda

 

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